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Rücktritt des Unionsfraktionschefs: Leihmutterschaft als Kulturkampf – die andere Dimension des Falls Spahn

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Rücktritt des Unionsfraktionschefs: Leihmutterschaft als Kulturkampf – die andere Dimension des Falls Spahn

Berlin. Jens Spahns Rücktritt als Vorsitzender der Unionsfraktion nach seiner Bekanntgabe, ein Kind durch eine Leihmutter in den USA austragen zu lassen, überschattet nicht nur den Reformeifer der Bundesregierung vor der Sommerpause. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf einen der folgenschwersten Trends in den wohlhabenden Teilen der Welt: den drastischen Rückgang der Geburten.

In den kommenden Tagen wird sich in Deutschland nun zunächst vieles um Spahns Nachfolge und mögliche Reputationsschäden für seine Partei drehen. Im September wird in mehreren ostdeutschen Bundesländern und Berlin gewählt, die AfD liegt in Umfragen im hohen zweistelligen Bereich.

Denn Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten, der Christdemokrat sah sich vor seinem Rücktritt mit Vorwürfen der Doppelmoral konfrontiert. Der CDU-Politiker hat das strenge Verbot in Deutschland über Jahre öffentlich unterstützt.

Doch international ist die Leihmutterschaft längst verbreitet. Dabei trägt eine Frau für die Wunscheltern eine Schwangerschaft aus, der Embryo wird durch künstliche Befruchtung erzeugt. Die Leihmutter ist genetisch meist nicht mit dem Kind verwandt. Genutzt wird das Verfahren von Menschen mit Unfruchtbarkeit, Krebsüberlebenden, Frauen mit gesundheitlichen Risiken sowie homosexuellen Paaren.

In den USA ist das Thema inzwischen eng mit der Debatte um Einwanderung verknüpft. Republikanische Politiker argumentieren, Leihmutterschaft könne für „Geburtstourismus“ genutzt werden, um Kindern die US-Staatsbürgerschaft zu verschaffen.

Im Kongress wird deshalb über den sogenannten SAFE Kids Act diskutiert, der Vereinbarungen mit Staatsangehörigen bestimmter Länder einschränken würde. Auslöser waren Berichte über superreiche Chinesen, die in den USA über Leihmütter zahlreiche Kinder bekommen ließen.

Hinter der Leihmutterschaftsdebatte steckt jedoch ein tieferer Wandel im politischen Umgang mit der Reproduktionsmedizin. Viele westliche Gesellschaften sind reich, aber kinderarm. Sinkende Geburtenraten treffen auf steigende Kosten für Renten und Gesundheitssysteme. Anhänger des sogenannten Pronatalismus (wörtlich aus dem Lateinischen: „für das Gebären“) sehen darin eine Bedrohung für Wohlstand und gesellschaftliche Stabilität.

Rein statistisch braucht man sich über das Aussterben der Menschheit zwar keine Sorgen zu machen: Die Weltbevölkerung liegt derzeit bei mehr als acht Milliarden Menschen, Tendenz steigend. Der Bericht „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome identifizierte bereits 1972 die Überbevölkerung als die eigentliche Herausforderung für den Planeten, nicht das Schrumpfen der Zivilisation.

Doch das Wachstum liegt ausschließlich an afrikanischen Schwellen- und Entwicklungsländern südlich der Sahara, wo die Raten zwischen fünf und sieben Kindern pro Frau liegen.

Das hat tiefgreifende Auswirkungen: „In den kommenden Jahrzehnten werden mehr als drei Viertel aller Geburten in den ärmsten Ländern der Welt stattfinden“, hieß es 2024 in der Fachzeitschrift „The Lancet“. Diese Umwälzung werde „die Weltwirtschaft und das internationale Machtgefüge völlig verändern“.

Lange war der klassische Konservatismus geprägt von strengem Embryonenschutz und einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Reproduktionsmedizin. Doch dieser Grundsatz geriet zuletzt besonders in den USA, wo Tech-Milliardäre das künstlich unterstützte Elternwerden massiv wie nie unterstützen, ins Wanken.

Auf der einen Seite stehen dabei traditionelle Lebensschützer, die technische Eingriffe in die Fortpflanzung als Überschreitung ethischer Grenzen betrachten. Auf der anderen Seite entsteht in den USA eine pronatalistische Rechte, für die das oberste Ziel nicht mehr der Schutz des Embryos, sondern die Steigerung der Geburtenrate ist.

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Der Fall Spahn zeigt deshalb auch, wie stark moderne Technik und Kinderwunsch die traditionellen Grenzziehungen der politischen Lager verschieben. In den USA ist Reproduktionsmedizin viel weniger reguliert als beispielsweise in Deutschland.

Leihmutterschaft, Eizellenspende und Präimplantationsdiagnostik gehören dort zu den Dingen, die erlaubt sind. Wer sich in den USA einer Kinderwunschbehandlung unterzieht, kann beispielsweise in vielen Fällen genetische Tests vor der Einpflanzung des Embryos durchführen lassen – in erster Linie um das Risiko einer Fehlgeburt zu minimieren.

Manche Eltern suchen sich im selben Zug das Geschlecht aus, und in seltenen Fällen entscheiden sich zum Beispiel gehörlose Eltern bewusst für einen Embryo, der die genetische Anlage zur Taubheit trägt. Sprich: Die Auswahl nach genetischen Kriterien ist legal.

In Deutschland sind solche Tests, auch wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit, nur in Verdachtsfällen schwerer Erbkrankheiten und nach Prüfung durch eine Ethikkommission möglich.

Aber in Ländern wie Spanien, der Schweiz, Belgien oder Großbritannien, wo die Auswahl von Embryonen unter genetischen Kriterien unter Auflagen legal ist, versuchen globale Fertilitätsunternehmen verstärkt zu expandieren.

Politisch wird das Thema immer offensiver besetzt. US-Vizepräsident J.D. Vance machte Familie, Kinder und Geburten zu einem Kern seiner politischen Marke und erklärte das Kinderkriegen zum moralischen Auftrag der Gesellschaft. „Wir glauben, dass Kinder gut sind, weil wir keine Soziopathen sind“, sagte der zum Katholizismus konvertierte Republikaner 2019.

Zugleich pflegt Vance enge Verbindungen ins Silicon Valley, wo die Reproduktionsmedizin mit enormen Summen vorangetrieben wird. Dort entsteht eine ideologische Brücke zwischen klassischem Pro-Familiarismus und einem „Hightech-Pronatalismus“, der Elternschaft technisch optimieren und teilweise von der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Struktur lösen will.

Investoren wie der bekannte, politisch umstrittene Peter Thiel finanzieren Fruchtbarkeitskliniken, KI-gestützte In-vitro-Unternehmen und globale Netzwerke für Kinderwunschbehandlungen. Solche Engagements sind nicht zwingend jedes Mal politisch motiviert, denn der Markt für Reproduktionsmedizin gilt als milliardenschwer und wächst rasant.

Fakt ist allerdings: Die USA werden zum Experimentierfeld, in dem Spitzenforschung auf vergleichsweise geringe Regulierung trifft. Gearbeitet wird an KI-gestützter Embryonenauswahl, umfassenden genetischen Tests und sogar an künstlichen Gebärmüttern.

Unternehmen wie Orchid versprechen Eltern, Embryonen anhand Hunderter genetischer Merkmale zu vergleichen, von Diabetes- und Alzheimer-Risiken bis zu Veranlagungen für psychische Erkrankungen. Investoren aus dem Umfeld von Thiel, Marc Andreessen, Jaan Tallinn und Sam Altman stecken Milliarden in solche Technologien.

Der Kult um Geburten zieht sich auch durch weite Teile des Umfelds von US-Präsident Donald Trump. Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. warnt vor einer „Krise der Unfruchtbarkeit“; kulturelle Trends wie die „Trad Wife“-Bewegung feiern multiple Mutterschaft als alternativloses Ideal.

US-Milliardär Elon Musk warnt vor einem drohenden „Zivilisationskollaps“ durch zu wenige Kinder. Musk selbst hat zahlreiche Kinder mit mehreren Frauen und sprach offen über den Einsatz von Leihmüttern, um die Zahl der Geburten zu erhöhen.

Dass die Geburtenrate in den USA 2024 leicht stieg, führen Experten unter anderem darauf zurück, dass Frauen in den späten Dreißigern verstärkt reproduktive Technologien nutzen. „35 ist nicht mehr das ‚Die Uhr tickt‘-Alter, das es einmal war“, erklärt die amerikanische Forscherin Emily Oster.

Gleichzeitig bleibt der technologische Fortschritt innerhalb des Pro-Geburten-Lagers hochumstritten. Denn für viele traditionelle Lebensschützer beginnt das Leben mit der Empfängnis. Sie lehnen künstliche Befruchtung ab, weil in diesem Verfahren Embryonen verworfen werden. In einigen republikanisch regierten US-Bundesstaaten wurden im Zuge der Abtreibungsverbote striktere Embryonengesetze eingeführt.

Die Publizistin Elizabeth Bruenig beschrieb den Konflikt bereits 2025 als Kampf zwischen „Techies“ und „Tradis“: Die einen könnten auf das traditionelle Familienmodell verzichten und würden den technischen Fortschritt forcieren. Die anderen würden die Stärkung des traditionellen Familienmodells als einzigen Schlüssel sehen, die Geburtenkrise zu beenden. Noch wirken diese Lager widersprüchlich, so Bruenig. Doch sie teilen ein übergeordnetes Ziel: mehr Kinder.

Auch außerhalb der USA gewinnt Pronatalismus an politischem Gewicht. Italiens Regierung erklärte die Steigerung der Geburtenrate zur Priorität, Ungarn verfolgte während der kürzlich abgewählten Regierung von Viktor Orban entsprechende Programme. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete den Bevölkerungsrückgang 2025 als größere Gefahr als einen Krieg und rief Frauen zu mindestens drei Kindern auf.

In Deutschland ist die AfD derzeit die einzige größere Partei, die Kinderlosigkeit, ob unfreiwillig oder freiwillig, klar als falsche Lebensentscheidung kritisiert. „Mit Sorge beobachten wir, dass Teile der Gesellschaft ihren Kinderwunsch zurückstellen zugunsten von Einkommen, Karriere oder Selbstverwirklichung“, heißt es im Bundestagswahlprogramm 2025.

Die Volksparteien CDU/CSU und SPD warnen ebenfalls vor den Folgen des demografischen Wandels, setzen aber eher auf finanzielle Anreize und Familienförderung.

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