Skip to content

Klimawandel: In Teufels Küche

World
Klimawandel: In Teufels Küche

Was kann jetzt noch kommen? Es ist Mitte Juli, drei quälende Hitzewellen  hat Europa schon hinter sich. Noch nie seit Menschengedenken hat der Kontinent so früh im Jahr so geglüht. Schon jetzt, deutlich vor dem Hochsommer, wurde vom europäischen Gesundheitsdatenzentrum ECDC eine hitzebedingte Übersterblichkeit von mehr als zehntausend Menschen gezählt und die Hitze von Katastrophenexperten als „Systemrisiko“ eingestuft: Niedrige Flusspegel lähmen Binnenschifffahrt und Kraftwerke, die Kühlung brauchen; in Flüssen mit einer Temperatur jenseits von 28 Grad häufen sich die Fischsterben; die Trockenheit frisst sich durch die Böden, Trinkwasserreservoire schwinden, und allenfalls punktuell ist, wie Meteorologen sagen, der Wassermangel durch „übernormale Regenfälle“ abgemildert worden.

Auf Wetterkarten fallen die stehenden Hitzeglocken auf, die den Planeten an mehreren Stellen gleichzeitig überzogen haben, tage- und wochenlang. Sie haben die bislang frühesten Flächenbrände in Andalusien, Frankreich und Nordamerika, aber auch in Sibirien angefacht. Englischsprachige Wetterexperten sprechen inzwischen vom „Ring of fire“, weil sich in den Glocken um sie herum neues Wetterchaos bildet und potenziert: Feuer, Überflutungen, stickige, schädliche Luftschwaden.

F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen

Mehr als 95 Prozent der Länder haben in den vergangenen Wochen außergewöhnliche Rekorde vermeldet, in Südamerika wurden 40 Grad und mehr gemessen – im südlichen Winter. Am 28. Juni das Gleiche in Deutschland: Über vierzig Grad an mehr als vierzig Wetterstationen, bilanziert der neueste Hitzebericht des Deutschen Wetterdienstes. 252 Wetterstationen meldeten Allzeitrekorde, der neue historische Höchstwert liegt bei 41,7 Grad. „Das hat es so noch nicht gegeben“, sagt Andreas Becker, Leiter der Klimaüberwachung beim DWD, und fügt ganz ohne Urlaubsgefühle hinzu: „Wir sind in die Liga der Mittelmeerländer vorgestoßen.“ Becker spricht von einer „Zäsur“: Von 42 Grad an, ganz knapp über dem neuen Spitzenwert, werde es draußen für alle gefährlich, nicht mehr nur für Ältere und anfällige Menschen.

Ob damit zu rechnen ist, im August, wenn die Sonne am stärksten brennt? Becker weiß es nicht, niemand kann das Wetter mit Gewissheit voraussagen. Mit einer nachhaltigen Entlastung an der Wetterfront aber rechnet in der Wissenschaft kaum einer mehr, auch der DWD-Experte nicht. Klar ist jedenfalls: Die Lage spitzt sich zu. Immer öfter und noch nie so drastisch wie in diesem Frühsommer ist der offensichtliche Regimewechsel, der sich mit der Aufheizung des Planeten vollzieht, überall spürbar.

Das Klima destabilisiert sich, und das verunsichert auch zunehmend die Experten. Ihre Modelle können zwar einen Großteil des globalen Wandels gut rekonstruieren, der sich aus der ungebrochenen Ansammlung von Kohlenstoffdioxid, Methan und anderen klimaschädlichen Treibhausgasen in der Luft ergibt. Aber es gibt auch unerklärliche Veränderungen und Ausschläge. Die Hitzeglocken über den Kontinenten gehören an sich nicht dazu, sie sind ein bekanntes Phänomen. Meteorologen sprechen von Blockadewetter, weil ein großflächiges Hoch zwischen zwei stabilen Tiefdruckgebieten gefangen ist. Ursache sind die Lage und der Verlauf der Starkwinde in der Hochatmosphäre, des Jetstreams, der plötzlich wie ein schlingerndes Monster über die Nordhemisphäre zieht.

Das extreme Schlingern aber kommt von der überdurchschnittlichen Erwärmung in den höheren Breiten. Diese Aufheizung sorgt dafür, dass sich die Temperaturen an den Polen und am Äquator angleichen und der vom  Temperaturgefälle normalerweise stabilisierte Jetstream ins Straucheln kommt. Das Ergebnis sind häufigere Omega-Lagen: Hitzeglocken oder Hitzedome, die auf den Karten so aussehen wie der griechische Buchstabe Omega und mit ihren Ausläufern bis tief in die Mittelmeerregion reichen können, wo sie extrem heiße Saharaluft ansaugen.

In der extremen Juni-Hitzewelle kam etwas Entscheidendes dazu: Das Mittelmeer war bis zu acht Grad wärmer als normal, was die Aufheizung weiter nördlich zusätzlich angefacht hat. Das führt zum eigentlichen Problem, das auch die aktuellen Klimamodelle an den Rand ihres Simulationsvermögens bringt: In den Weltmeeren häufen sich ungewöhnlich starke marine Hitzewellen, wie DWD-Klimaexperte Becker erklärt. Die Ozeane nehmen neunzig Prozent der zusätzlichen Energie auf, die sich aus der Erderwärmung ergibt. Das Mittelmeer heizt sich inzwischen dreimal so schnell auf wie alle anderen Weltmeere im Schnitt. „Die Dynamik ist an der Oberkante dessen, was die Modelle uns vorhergesagt haben“, sagt Becker.

Im Pazifischen Ozean, dem größten der Weltmeere, hat sich in den vergangenen Monaten im Rekordtempo eine marine Hitzewelle aufgebaut, die in der Fläche inzwischen die des Mondes übertrifft. Ein historischer Vorgang. Auslöser war das an sich natürliche Klimaphänomen El Niño: eine Art ozeanischer Meeresschaukel, angetrieben durch Wind- und Meeresströmungen, die dazu führt, dass sich vor der Küste Südamerikas riesige Warmwassermassen aufstauen, die die Atmosphärenflüsse verändern und so auch in weit entfernten Regionen für Wetterchaos sorgen können.

Noch nie seit dem neunzehnten Jahrhundert hat sich El Niño so schnell aufgebaut wie in diesem Jahr, die Schwelle zum Super-El-Niño ist schon Monate vor dem eigentlichen Höhepunkt zum Jahresende überschritten. Die Klimamodelle rechnen fast alle mit dreieinhalb bis vier Grad über dem Durchschnittswert in der maßgeblichen Messregion – ein Rekord mit so weitem Abstand, dass den Experten die Erklärungen ausgehen. „Entscheidend ist wohl, dass das vor dem Hintergrund von ohnehin schon viel wärmeren Ozeantemperaturen passiert“, sagt DWD-Forscher Becker.

Die Folgen des Klimawandels sind überall zu beobachten. Vor wenigen Jahren haben Forscher im Wissenschaftsjournal „Nature“ gezeigt, wie ein viertel Grad zusätzlicher Erwärmung in der vergangenen Dekade die Anzahl von Hitzeperioden wie von Extremniederschlägen erhöht hat. Die Mehrzahl der Extremhitzeereignisse und mindestens jede vierte Überflutung weltweit lassen sich inzwischen auf den Einfluss der Treibhausgase aus der Verbrennung von Kohle, Gas und Öl zurückführen. Selbst im Kühlschrank des Planeten ist das der Fall. Im Fachjournal „Cryosphere“ legten Forscher jüngst Analysen vor, die zeigen, dass der Pine-Island-Gletscher, der am schnellsten schmelzende Eisschild in der Antarktis, wegen des hausgemachten Temperaturanstiegs dahinschwindet.

Die Frage, die alle Experten beschäftigt, aber in der öffentlichen Diskussion noch kaum diskutiert wird, lautet: Wurde etwas Entscheidendes übersehen? Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sieht das Klima auf dem Weg in eine unsichere Zukunft. In „Nature“ schrieb er neulich vom möglichen „freien Fall“ des Weltklimas und über die daraus resultierenden Risiken für die Staaten, für die Lebensmittelpreise und das Finanzsystem. „Die Gesellschaften sind unvorbereitet.“

Die Unvorhersehbarkeit hängt laut Levermann eng zusammen mit den Kipppunkten im Klimasystem. Veränderungen in einzelnen Bausteinen, auf den riesigen Flächen mit Gletschern oder Wäldern, auch in den weltumspannenden Strömungssystemen in Ozeanen und in der Atmosphäre, können das ganze System unumkehrbar erschüttern und das Chaos weiter beschleunigen. Schwindet etwa Eis, nimmt die Erde mehr Sonnenwärme auf, und das Eis schmilzt schneller – ein Teufelskreis mit Boostereffekt. Möglich, dass einige Kipppunkte regional schon bei der bisher erreichten Erwärmung von global gesehen unter eineinhalb Grad getriggert sind und die Instabilität des Systems bereits spürbar wird.

Die Auswirkungen solcher Dominoeffekte auf die Gesellschaft lassen sich schwer vorhersagen. Es gibt in der Menschheitsgeschichte wenige gut dokumentierte Präzedenzfälle. Aus den Klimaarchiven lässt sich allenfalls vage ablesen, wie labil die Lage heute wirklich ist: In den vergangenen 120.000 Jahren war es global gesehen nicht so warm wie heute, die Konzentrationen von Kohlenstoffdioxid und Methan waren in Millionen Jahren nicht so hoch. Und vor allem: Die Beschleunigung des Wandels ist beispiellos. „Das größte Problem ist die Geschwindigkeit, das erzeugt Drücke im System und gewaltige Anpassungsdrücke bei uns Menschen, die schwer zu bewältigen sind“, sagt Meteorologe Becker.

Die jüngsten Hitzewellen sind dafür ein markantes Beispiel. „Hitze erzeugt Kaskadeneffekte“, sagt Michael Kunz vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung in Karlsruhe. Er hat mit seinem auf Katastrophenanalysen spezialisierten Team die jüngste Hitze im Land unter die Lupe genommen. Komme die Hitzeentwicklung „mit niedrigen Flusspegeln und hohen Kühlwassertemperaturen zusammen, die den Betrieb thermischer Kraftwerke einschränken können, geraten mehrere Versorgungssysteme gleichzeitig unter Druck“, heißt es in der Analyse. Wetter, Wasser, Energie – genau diese Wechselwirkungen, sagt Kunz, seien künftig entscheidend: „Anhaltende Hitze ist ein Systemrisiko für Europa.“

Dass diese und andere Klimarisiken bisher unterbelichtet waren in Politik und Verwaltung, steht für die Experten außer Zweifel. Kliniken und Pflegeheime ohne Klimaanlagen sind eher die Regel als die Ausnahme, was gerne verdrängt wird, obwohl in den Metropolen vor zwanzig Jahren noch halb so viele Hitzetage ermittelt wurden wie heute. Von den 2871 deutschen Einrichtungen im Paritätischen Gesamtverband gaben nach der Juni-Hitzewelle 82 Prozent an, mit überhitzten Gebäuden und Extrembelastungen der Bewohner zu kämpfen. Zwar spielt Anpassung an den Klimawandel eine immer größere Rolle, aber die Schere zwischen Maßnahmen und Klimarealität geht noch immer auseinander. Die Resilienz der Systeme sinkt in der Beschleunigungsspirale weiter, statt zu steigen.

In dieser Situation finden auch extreme Lösungsideen mehr Gehör. Diskutiert wird plötzlich etwa der Vorschlag von Forschern aus Chicago, die im Wissenschaftsblatt „Science Advances“ eine Art Rettungsaktion vor dem drohenden Super-El-Niño ins Spiel brachten: Über dem Hitzegebiet im Pazifik könnten Partikel in die Atmosphäre injiziert und so die Wolkenbildung künstlich hochgefahren werden. Theoretisch ließen sich mit diesem Geoengineering Hitze und Verdunstung um mehr als ein Drittel verringern und damit auch die zerstörerische Kraft von El Niño. Das Problem: Keiner kennt die Langzeitfolgen, und niemand haftet.

„Wie soll eine internationale Kooperation bei so etwas gelingen?“, fragt DWD-Forscher Becker. Außerdem sei das bloße „Symptombehandlung“, die am Ende sogar dazu führen könnte, dass irgendwann die Temperaturen noch schneller und steiler ansteigen. Der Meteorologe plädiert deshalb dafür, die Unsicherheit durch nachhaltige Klimamaßnahmen wie die globale Energiewende konsequent zu schmälern: „Wir haben mit den bisherigen Klimaschutzmaßnahmen weltweit schon ein Grad Erwärmung verhindert. Wir sollten auf keinen Fall nachlassen.“


Source: Frankfurter Allgemeine — This article was automatically imported from the source. Read full article at original source →

FR
Originally published by Frankfurter Allgemeine faz.net
Visit original article

admin

Leave a Comment