
Mitten in Berlin, am Potsdamer Platz, gibt es ein Becken. Pianosee wird es genannt, nach Renzo Piano, der bekannt für nachhaltige Bauweise ist. Er hat das Viertel am Potsdamer Platz maßgeblich mitgestaltet. Regenwasser soll hier aufgefangen werden, am Rande des Beckens wächst Schilf, bunte Karpfen schnappen nach Insekten. Im Klimawandel kein schlechter Ansatz, Städte sollen schließlich zu Schwammstädten werden. Auffangbecken, Kanäle, Uferbewuchs können Wasser halten und verteilen – gut bei Hitze und Sturzregen.
Doch vielleicht sind Becken wie der Pianosee doch keine so gute Idee. Denn die neuen Zeiten bringen nicht nur Hitze und Starkregen mit sich. Klimawandel und Globalisierung sorgen auch dafür, dass Mücken hierzulande nicht länger nur nervig sirren und stechen, sondern neuerdings auch Erreger verbreiten. Aus Lästlingen werden Schädlinge. Forscher und Gesundheitsexperten fordern deshalb einen neuen Umgang mit den Insekten.
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Der Mückenatlas zeigt das Problem. Seit fast 15 Jahren können bei diesem Citizen-Science-Projekt Mücken eingesandt werden – Entomologen vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung und vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bestimmen sie dann. Zusätzlich gibt es verschiedene Mückenmonitorings, vor allem im warmen und feuchten Rheingraben, aber auch in Städten und in Mooren. Wo welche der 52 Arten vorkommen, wo sich neue Arten wie Tigermücke (Aedes albopictus) und Buschmoskito (Aedes japonicus) ansiedeln, wird so dokumentiert.
Ein solches Monitoring ist wichtig, das betont Helge Kampen vom FLI, wo er das Labor für medizinische Entomologie leitet und die Geschäfte der nationalen Expertenkommission „Stechmücken als Überträger von Krankheitserregern“ führt. Mit den steigenden Temperaturen verändere sich die Situation bei den Mücken – und bei Erregern, sagt er. „Insekten sind temperaturabhängig, und je wärmer es wird, umso schneller läuft ihr Stoffwechsel ab. Sie können sich schneller fortpflanzen, die Populationen werden schneller groß. Zugleich können sich auch die Erreger in den Mücken schneller vermehren.“
Wärmeliebende Mücken wie die Tigermücke, die als Überträger von Krankheiten berüchtigt sind, können Populationen gründen. Aber wenn es wärmer wird, können auch bislang harmlose einheimische Mücken zu Überträgern werden, erklärt Kampen. „In Experimenten konnte gezeigt werden, dass sich manche Viren in einheimischen Mücken ab 27 Grad Celsius vermehren können und die Mücken infektiös werden.“
In der Bundeshauptstadt lässt sich das gerade live verfolgen: Seit 2018 treffen hier heimische Mücken auf einen ursprünglich exotischen Erreger: Das West-Nil-Virus wurde eingeschleppt, es vermehrt sich in Vögeln. Saugen gemeine Hausmücken (Culex pipens) an ihnen Blut, nehmen sie die Viren auf. Innerhalb weniger Tage können sich diese im Insekt vermehren, wandern vom Darm bis in die Speicheldrüsen. Sticht die Mücke abermals, kann sie den Erreger verbreiten – an weitere Vögel, Säugetiere und auch an Menschen.
Um herauszufinden, wo in Berlin das Risiko eines solchen West-Nil-Stichs am höchsten ist, hat Sandra Junglen, Biologin und Arbeitsgruppenleiterin am Institut für Virologie an der Charité, in den vergangenen drei Jahren nach Mücken und Viren gesucht. Zusammen mit ihrem Team hat sie jeweils eine Woche im Juni, in Juli, August und September in Berlin-Schöneberg an relativ nah beieinandergelegenen Standorten Mücken gefangen: In einem parkähnlichen Wohngebiet, auf einem Friedhof, in einem Hinterhof, einem zur Schwammstadt renaturierten alten Industriegelände und in einem Naturschutzgebiet. Ungefähr 24.000 Mücken waren es in den Jahren 2023 und 2024, sagt sie.
Die Ergebnisse der Fangaktion: 16 Spezies, die häufigste war mit 80 Prozent die Hausmücke. Die Zahl der Mücken unterscheidet sich je nach Standort, aber auch die der in ihnen kursierenden Erreger: In der Schwammstadt und im Naturschutzgebiet gab es zwar viele Insekten – aber diese enthielten vergleichsweise wenige Viren. Auf dem Friedhof und im Hinterhof gab es weniger Mücken, trugen aber eher Viren. Das Risiko für einen Stich war dort zwar geringer – aber wenn man gestochen wird, ist die Gefahr größer, dass Viren übertragen werden. Wie lässt sich das erklären? „Es gibt die Hypothese aus der Krankheitsökologie, dass eine hohe Artenvielfalt vor Krankheiten schützt“, sagt Junglen. „Wenn es viele verschiedene Vogelarten gibt, dann saugen die Mücken an vielen Wirten. Aus den USA wissen wir zudem, dass nicht alle Vogelarten gleichermaßen viel West-Nil-Virus in sich tragen. Vor allem amerikanische Rotkehlchen und Spatzen sind dort durchseucht.“ Ein gutes Monitoring muss also nicht nur Erreger und Mücken umfassen, sondern auch deren Wirte. Junglen und ihre Kollegen fangen nun auch Vögel. Und Berliner sollten, wenn sie an gut gemeinten Wasserbecken wie dem Pianosee sitzen, auf Mückenschutz achten.
Dass die Umgebung viel ausmacht, wenn man das Mückengeschehen in Deutschland betrachtet, wissen Menschen am Rhein schon lange. Die Region ist ein Paradies für Auwaldmücken. Sie können sich in den Schwemmgebieten so massiv vermehren, dass mit Hubschraubern Gift ausgebracht wird, das die Larven tötet. Die KABS, die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage e.V., übernimmt diesen Job seit Jahrzehnten Jahr für Jahr im Auftrag von Kommunen und Gemeinden.
Und weil die Mitarbeiter der KABS sich mit Mücken auskennen, haben sie seit fünf Jahren auch eine andere Mücke im Blick: die Asiatische Tigermücke. Sie wurde aus Südeuropa per Lkw nach Süddeutschland eingeschleppt und breitet sich nun immer weiter nach Norden aus. Eine Art, die nicht im Wald und in den Auen lebt, sondern in Gärten, Hinterhöfen, Parkanlagen – da, wo ihr Hauptwirt lebt, der Mensch. Sie sticht nicht nur in der Dämmerung, sondern auch tagsüber – und ist so aggressiv, dass sie Menschen sogar ins Haus und ins Auto verfolgt. Wer eine Tigermückenpopulation in der Dachrinne hat, der merkt das schnell.
Seit fünf Jahren bieten die Mückenjäger deshalb Gemeinden an, auf Tigermückenjagd zu gehen. Sie stellen Fallen auf, suchen nach Populationen auf Friedhöfen, in Parks, Brachen. Sie klingeln an der Haustüre von Privatleuten und geben Tipps, wie man verhindert, dass sich die Mücken ansiedeln, sprühen Larvengift in Gullis, Abflüsse und Dachrinnen. Ein enormer Aufwand, wegen ein paar Mücken?
Nicht, wenn man in die Zukunft denkt: Die Tigermücke ist nicht nur aggressiv und lästig, sondern kann mehr als 20 Erreger verbreiten, gefährliche Viren wie Dengue, Zika oder Chikungunya. Anders als das West-Nil-Virus in Berlin sind diese Erreger noch nicht in Deutschland angekommen. Doch angesichts von Globalisierung und Klimawandel scheint das nur eine Frage der Zeit. Erreger reisen im Blut von Reisenden – oder mit den Mücken selbst.
Am Frankfurter Flughafen ist dies in dieser Woche wieder eindrücklich belegt worden: Vier Angestellte verschiedener Firmen haben sich bei ihrer Arbeit am Airport mit der sogenannten Koffer-Malaria infiziert: Infizierte Anophelesmücken sind mit der Fracht oder dem Gepäck eingeschleppt worden und stachen auf dem Flughafengelände zu. Die Betroffenen werden nun behandelt.
Über Reisende sind Tropenerreger auch in anderen Regionen bereits heimisch geworden: In Südfrankreich und Italien haben infizierte Menschen aus anderen Ländern Dengue- und Chikungunyaviren in ihrem Blut mitgebracht, dort verbreitete Tigermücken haben zugestochen und die Viren dann weiterverbreitet. Das Klima ist ideal, es gibt genügend Überträgermücken und Menschen, die gestochen werden. Jedes Jahr kommt es jetzt zu autochthonen Infektionen: Menschen erkranken an den exotischen Krankheiten, obwohl sie gar nicht in den Tropen waren.
Dieses Szenario möchte man in Deutschland so möglichst verhindern. Also heißt es: Mücken bekämpfen. Aber wie macht man das?
Mücken gelten als die gefährlichsten Tiere der Welt, jährlich erkranken 700 Millionen Menschen nach Stichen, eine Million Menschen sterben. Und natürlich hat die Menschheit mittlerweile ein großes Arsenal an Waffen gegen die Tiere erfunden. Es gibt Mückennetze, Repellents und Zitronellakerzen, um die Insekten abzuhalten oder zu vertreiben. Es gibt auch schnödes Gift gegen wahlweise die Larven – etwa das Eiweißgift des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis israelensis (BTI) – oder chemische Mittel, die dem Gift der Chrysanthemen nachgebildet sind und ausgewachsene Mücken töten.
Es gibt auch ausgeklügeltere Methoden, bei denen nicht alle Mücken zugrunde gehen – sondern nur ihre Masse reduziert wird, indem man in ihre Reproduktion eingreift: Bei der sterilen Insektentechnik etwa werden Mückenmännchen mithilfe von Gamma- oder Röntgenstrahlung sterilisiert und millionenfach in die Natur ausgesetzt. Dort paaren sie sich mit den Weibchen, und diese legen dann Eier, aus denen nichts schlüpft. Man kann auch versuchen, Mücken zu impfen, also, wissenschaftlich korrekter ausgedrückt, ihr Immunsystem so zu manipulieren, dass sich in ihnen keine Erreger vermehren können. Dazu werden Mücken mit Wolbachia-Bakterien infiziert, die ihnen selbst nicht schaden. In einer Wolbachia-Mücke hat ein Dengue- oder Chikungunya-Virus keine Chance. Die Methode ist so vielversprechend, dass der Internetkonzern Google gerade medienwirksam angekündigt hat, damit demnächst Florida und Kalifornien vor den Tropenerregern zu schützen. Im Project „Debug“ will der Konzern Künstliche Intelligenz bereitstellen, die beim Züchten, Sortieren und Freisetzen der Insekten hilft. Millionen Mücken sollen freigesetzt werden. Weltweit gibt es zudem Projekte, bei denen sogenannte Gene-Drive-Mücken ausgesetzt werden: Sie sind so manipuliert, dass sich Gene für Sterilität oder für Erregerresistenz beschleunigt in den Populationen verbreiten.
Mückenbekämpfung ist in vielen Ländern bereits institutionalisiert: In Athen werden Wasserkanäle und Becken regelmäßig kontrolliert, gegebenenfalls wird Larvengift ausgebracht. In Südfrankreich und Italien wird viel Aufklärungsarbeit gemacht, Gift ausgebracht und mit sterilen Männchen gearbeitet. In noch stärker betroffenen tropischen Regionen gibt es Spezialteams, die, mit Ganzkörperanzügen und speziellen Verdampfern ausgerüstet, Stadtviertel von den Stechinsekten befreien. In Singapur gibt es sogar eine „Mückenpolizei“, deren Mitarbeiter von Wohnung zu Wohnung gehen und dort in Küche, Bad und Balkon kontrollieren, ob Wasser im Blumenuntersetzer oder im Ausguss steht.
In Deutschland? Derzeit scheint eine Mückenpolizei nicht denkbar. Wer sollte sie installieren, wer sollte sie bezahlen? Wer regelt den Zugang zu Brachflächen oder ändert die Friedhofssatzung, um dort Blumenvasen und Gießkannen auszuleeren? Erste Kommunen und Gemeinden, die in der Vergangenheit die KABS auf Tigermückenjagd geschickt hatten, haben ihre Verträge mit dem Verein gekündigt: zu teuer. 500 Grundstücke einen Sommer lang zu kontrollieren, kostet 37.000 Euro.
In Frankfurt am Main setzt man auf Umdenken. Dass etwas geschehen muss, ist klar. Nicht nur, weil einer der am besten vernetzten Flughäfen der Welt keine 20 Kilometer von der Innenstadt entfernt liegt und die Tigermücke bereits in ersten Stadtteilen heimisch ist. Gerade versucht die Stadt auf Drängen des Gesundheitsamtes, einen Überblick zu bekommen. Und wenn die Tigermücke da ist? „Die Stadtbewohner müssen sich um die Mückenkontrolle in ihren Gärten, auf Dächern und Balkonen selbst kümmern“, sagt Gesundheitsamtsleiter Peter Tinneberg. „Als Städte und Kommunen haben wir unsere Liegenschaften im Blick – und müssen Aufklärungsarbeit leisten.“ An der Virologie der Uniklinik Frankfurt soll auch überprüft werden, ob die Tigermücken in Frankfurt bereits Erreger von Krankheiten tragen. „Und dann müssen wir informieren, was man gegen sie tun kann: Wasseransammlungen suchen und dann das Pöttchen, in dem sich Regenwasser gesammelt hat, leeren.“ Wenn man es nicht schaffe, die Menschen zum Mitmachen zu bringen, könne es zu ernsthaften Erkrankungen in Frankfurt kommen, die man bisher vor allem aus den Tropen kennt. Man müsse dringend darüber reden, wie mit der Situation umzugehen sei, was die Bürger erwarten – und was die Stadt leisten kann. „Ich hoffe, dass wir das in den Griff bekommen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“
Im vergangenen Jahr hat die Europäische Seuchenkontrollbehörde ECDC so viele Infektionsfälle mit tropischen Erregern in Europa verzeichnet wie nie zuvor. Dieser Sommer ist bisher von Hitze und heftigen Regenfällen geprägt. Experten prognostizieren für die kommenden Wochen regionale Mückenplagen. Es ist dringend Zeit, sich mit Überwachung, Informationskampagnen und Mückenschutz zu befassen. Und mit Pöttchenleeren.
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