
Athen. Griechenland meldet Jahr für Jahr neue Rekorde bei Urlauberzahlen und Tourismuseinnahmen. Aber die Erfolgsstory hat eine Kehrseite. Die griechische Zentralbank warnt in ihrem jüngsten Bericht zur Geldpolitik, dass Klimawandel, Übertourismus und die wachsende Abhängigkeit der Volkswirtschaft vom Fremdenverkehr zu einem Risiko werden könnten.
Damit rückt eine Frage in den Mittelpunkt, die in der griechischen Politik lange ausgeblendet wurde: Wie belastbar ist ein Wachstumsmodell, das immer stärker auf den Tourismus setzt?
Der Fremdenverkehr zählt zu den wichtigsten Stützen der griechischen Wirtschaft. Nach der Staatsschuldenkrise der 2010er-Jahre trug er maßgeblich zur wirtschaftlichen Erholung bei. Auch die Folgen der Coronapandemie steckte Griechenland schneller weg als die meisten anderen Urlaubsländer: Schon 2023 zählte das Land mehr ausländische Besucher als im Vorkrisenjahr 2019.
Für dieses Jahr zeichnet sich ein neuer Rekord ab. In den ersten vier Monaten stieg die Zahl der ausländischen Urlauber gegenüber 2025 um 27,1 Prozent. Die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr legten sogar um 36,7 Prozent zu. Nach Berechnungen des World Travel & Tourism Council (WTTC) erreichte der Gesamtbeitrag der Reise- und Tourismusbranche im vergangenen Jahr 18,9 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Bis 2035 könnte der Anteil auf 21,7 Prozent steigen, so die Prognose des WTTC.
Gerade diese wachsende Bedeutung bereitet der Notenbank Sorge. Je stärker die Wirtschaft vom Tourismus abhänge, desto anfälliger werde sie für externe Schocks, warnt Zentralbankgouverneur Yannis Stournaras in dem Bericht. Ein nachhaltiges Wachstum sei nur möglich, wenn sich der Sektor grundlegend neu ausrichte.
Besonders kritisch bewertet die Zentralbank die Folgen des Klimawandels. Griechenland gehöre zu den Reisezielen Europas, die von steigenden Temperaturen und extremen Wetterereignissen besonders betroffen seien.
Längere Hitzewellen, Waldbrände sowie Unwetter wie „Ianos“ und „Daniel“, tropenähnliche Stürme in den Jahren 2020 und 2023, veränderten bereits die Rahmenbedingungen des Tourismus. Allein „Daniel“, der als schwerster Sturm seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Griechenland gilt, verursachte Schäden von über fünf Milliarden Euro.
Nach Einschätzung der Notenbank reicht es deshalb nicht mehr aus, den Klimawandel als Umweltproblem zu behandeln. Investitionen in Wasser- und Energieversorgung, Verkehrsinfrastruktur sowie Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel seien entscheidend, um Griechenland langfristig als Reiseziel attraktiv zu halten.
Ebenso kritisch beurteilt die Bank den zunehmenden Übertourismus. Das Problem sei nicht allein die Zahl der Besucher, sondern es sei auch deren räumliche und zeitliche Konzentration auf wenige Inseln und Regionen während der Hochsaison.
Als Ursachen nennt die Notenbank den weltweiten Anstieg des Reiseverkehrs, günstige Flugverbindungen, digitale Buchungsplattformen sowie den boomenden Kreuzfahrttourismus. Die Folgen seien vielerorts bereits sichtbar: steigender Wasser- und Energieverbrauch, mehr Abfall, wachsende Belastungen für Ökosysteme und historisches Kulturerbe sowie ein zunehmender Verschleiß der Infrastruktur.
Besonders betroffen seien die Einwohner beliebter Ferienorte. Steigende Mieten und Immobilienpreise, die Verdrängung lokaler Geschäfte und die Ausweitung von Ferienwohnungen verschärften den Druck auf den Wohnungsmarkt und beeinträchtigten die Lebensqualität. Langfristig drohe vielerorts ein Verlust der lokalen Identität und des sozialen Zusammenhalts.
Nach Einschätzung der Zentralbank könnte der Übertourismus damit die Grundlage seines eigenen Erfolgs untergraben. Überlastete Reiseziele, sinkende Aufenthaltsqualität und wachsende Konflikte mit der Bevölkerung gefährdeten die internationale Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands.
Die Notenbank plädiert deshalb für einen grundlegenden Kurswechsel. Statt immer neue Besucherrekorde anzustreben, müsse Griechenland die Saison verlängern, Touristen stärker über das Land verteilen und alternative Reiseformen fördern. Ziel sei ein ausgewogeneres Tourismusmodell mit höherer Wertschöpfung und geringerer Belastung für besonders gefragte Regionen.
Darüber hinaus fordert die Zentralbank Investitionen in Infrastruktur und umweltfreundliche Technologien, bessere Daten über Besucherströme sowie eine stärkere Qualifizierung der Beschäftigten. Aufklärungskampagnen sollen Urlauber für den Schutz historischer Stätten und einen respektvollen Umgang mit der lokalen Bevölkerung sensibilisieren.
Ähnliche Warnungen kommen von Angela Gerekou, der früheren Tourismusministerin und ehemaligen Präsidentin der nationalen griechischen Tourismusorganisation GNTO. In einem Gastbeitrag für das Nachrichtenportal CNN Greece fordert sie einen Übergang „vom reinen Wachstumsdenken zu einem Modell der Resilienz“.
Griechenland biete zwar vielerorts Premiumerlebnisse, gleichzeitig litten aber zahlreiche Regionen unter maroder Infrastruktur, Wasserknappheit, illegalen Müllkippen und überhöhten Preisen. Hinzu kämen Personalmangel, niedrige Löhne und geringe Aufstiegschancen. „Wir versuchen, Premiumtourismus aufzubauen, ohne wirklich in die Menschen zu investieren, die ihn tragen“, schreibt Gerekou. „In vielen Fällen arbeitet das Personal unter erschöpfenden Arbeitsbedingungen, mit niedrigen Löhnen, unsicheren Lebensbedingungen und ohne nennenswerte berufliche Perspektiven.“
Die größte Gefahr sieht Gerekou darin, dass Griechenland durch den Tourismusboom ausgerechnet jene Stärken verliert, die den Erfolg des Landes ausmachen: Authentizität, Gastfreundschaft und lokale Identität. Ihr Fazit: „Künftig wird der Erfolg eines Reiseziels nicht mehr allein an Besucherzahlen und Einnahmen gemessen, sondern an Qualität, Nachhaltigkeit, sozialem Gleichgewicht und langfristiger Widerstandsfähigkeit.“
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