
Düsseldorf. Ein Frieden im Nahen Osten rückt wieder in die Ferne. Infolgedessen steigt der Ölpreis, im Gegenzug fällt am deutschen Aktienmarkt der Leitindex Dax. Dadurch entwickelt sich eine gefährliche Dynamik, zeigt die Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment.
Für das Dax-Sentiment befragt das Handelsblatt jeden Freitagmorgen bis Samstagabend mehr als 10.000 Privatanlegerinnen und -anleger nach ihrer aktuellen Markteinschätzung. Die Antworten wertet Stephan Heibel, Geschäftsführer des Analysehauses AnimusX, aus und ergänzt sie um weitere Indikatoren.
Aus dem aktuellen Ergebnis geht hervor, dass sich die Anlegerstimmung (Sentiment) binnen zwei Wochen komplett gedreht hat: Sie ist auf minus 3,5 Punkte eingebrochen, nachdem sie vor zwei Wochen noch bei plus 3,8 Punkten gelegen hatte. Ab plus und minus vier Punkten gelten Werte als extrem.
„Sukzessive dämmert es vielen Anlegern, dass der Irankrieg nicht mit kurzen ‚Operationen‘ gewonnen werden kann, sondern mehr und mehr zu einem lang anhaltenden Krieg wird“, sagt Heibel. „Die globale Energieversorgung scheint dennoch gesichert, aber die geopolitischen Spannungen wachsen weiter an.“
Das Wochenminus des Dax lag trotzdem nur bei 0,9 Prozent, der Abschlag zum Anfang Juli erzielten Rekordhoch beträgt gut vier Prozent. Dass die Verluste noch verhalten ausfallen, führt Heibel auf die defensive Orientierung der Anleger zurück, die in der vergangenen Auswertung zu beobachten war: Rechnen Anleger bereits mit fallenden Kursen, schlagen schlechte Nachrichten für gewöhnlich weniger stark auf die Kurse durch.
Obwohl viele Anleger bereits mit fallenden Kursen gerechnet hatten und obwohl die Verluste bislang noch übersichtlich sind, macht sich Verunsicherung breit. Mit minus 4,9 Punkten ist sie nun so groß wie zuletzt im März.
Allerdings verweist Heibel darauf, dass zwei Verlustwochen in Folge meist für Verunsicherung sorgen: „Es ist also nicht überraschend, dass Anleger von der schwachen Börsenentwicklung negativ überrascht sind, doch eine Katastrophe sieht noch deutlich anders aus.“
Die Verunsicherung wird gemessen, indem die Befragten angeben, ob sich ihre Erwartungen in der abgelaufenen Woche erfüllt haben. Je weniger das der Fall ist, desto größer ist die Verunsicherung.
Wie ernst die Anleger die aktuelle Entwicklung nehmen, zeigt sich an der Zukunftserwartung und der Investitionsbereitschaft. Die Zukunftserwartung ist mit 1,3 Punkten nur noch leicht positiv. „Wirklicher Optimismus sieht anders aus“, sagt Heibel.
Häufig ist es so, dass Anleger nach fallenden Kursen optimistischer werden, weil sich dann ein Teil der negativen Erwartungen bereits materialisiert hat. Diesmal ist das nicht der Fall. Stattdessen erwarten nur noch 28 Prozent der Befragten, dass sich der Dax in drei Monaten in einem Aufwärtstrend befinden wird.
Passend dazu geht auch die Investitionsbereitschaft weiter zurück. Mit 0,7 Punkten fällt sie auf den zweitniedrigsten Wert des Jahres.
Diese Skepsis zeigt sich auch am Terminmarkt, wo Anleger sich mit Put-Optionen gegen fallende Kurse absichern oder mit Call-Optionen auf steigende Kurse wetten können. Daten der Börse Stuttgart zeigen, dass Privatanleger weiterhin vor allem Put-Optionen kaufen. Dasselbe gilt für institutionelle Investoren, die an der europäischen Terminbörse Eurex handeln.
Heibel zieht aus dieser Entwicklung ein gemischtes Fazit aus dem Umfrageergebnis: „Auf der einen Seite wirken Kursabsicherungen wie ein Sicherheitsnetz unter den aktuellen Kursen, da entsprechende Short- und Put-Positionen im Falle fallender Kurse mit Gewinn eingedeckt werden.“
Es wird also frühzeitig eine Nachfrage geschaffen, wenn die Kurse fallen. Dieser Effekt dämpfte in der vergangenen Woche die Kursverluste.
„Gleichzeitig entwickelt sich eine gefährliche Dynamik, die eine schnelle Erholung erschwert“, erklärt der Sentimentexperte. Einerseits würden die Gewinneraktien der vergangenen Monate verkauft und in andere Sektoren umgeschichtet, andererseits würden es aber immer mehr Anleger vorziehen, erst einmal abzuwarten, anstatt vermeintlichen Schnäppchen nachzujagen.
Insbesondere die fehlende Investitionsbereitschaft bereite ihr Sorgen. „Denn das Handelsvolumen wird dadurch dünner, und es reichen wenige Verkäufe, um die Kurse weiter nach unten zu drücken“, sagt Heibel.
Eine wirkliche Crash-Gefahr sieht er anhand der Sentimentverfassung zwar nicht, weil Anleger dafür bereits zu defensiv positioniert seien. „Aber ich kann auch nichts erkennen, was die aktuelle ‚Rotation‘ wieder in eine Rally überführen könnte. Daher bleibt es dabei, dass wir erst einmal abwarten.“
Sie wollen an der Umfrage teilnehmen? Dann lassen Sie sich automatisch über den Start der Sentimentumfrage informieren und melden Sie sich für den Dax-Sentiment-Newsletter an. Die Umfrage startet jeden Freitagmorgen und endet Samstagabend.
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